Backflash: Athens 2015/16

Der Kampf um das sogenannte Memorandum 2015 in Griechenland. Im Zuge der Auseinandersetzung um die Austeritätspolitik im Nachgang der “Finanzkrise” und der darauf folgenden “Eurokrise”. Das Memorandum war eine Volksabstimmung erlassen von der damals regierenden Syriza-Partei, über die Fortführung der Sparmaßnahmen, die auf Druck der “Troika” (EU-Kommission, EZB und IWF) durchgeführt werden sollten. Die Bilder dieser Reportage umfassen Demonstrationen für ein NAI (Ja) und für ein OXI (Nein), also für und gegen die Annahme eines weiteren Sparpakets, sowie Straßenszenen aus dieser Zeit. Das Referendum endete übrigens mit der Ablehnung, es wurde dennoch unter der Syriza-Regierung durchgeführt, wodurch die Wahlzustimmung dramatisch einbrach und seitdem wieder die konservative Nea Demokratia regiert.

Hörsaal der Universität für Mathematik und Physik Athens

Die grün bewachsenden Berge sind schon verdächtigt nahe als der Bus an der richtigen Haltestelle hält. Es wirkt als gibt es nur noch die Option mit dem Bus weiter in die Berge hineinzufahren oder auf den nächsten Richtung zurück in die Stadt warten. Es ist deutlich zu merken, dass man sich außerhalb der Stadt befindet, die Luft ist viel frischer und es ist kälter. Nachdem der Bus mit einem Brummen um die nächste Ecke gebogen ist, kommt auch noch diese ungewohnte Stille hinzu. Hier ist also die Universität für Mathematik und Physik Athens. Eine Studentin erzählt mir später, dass sie hier draußen hin quartiert worden, weil sie der Regierung zu aufrührerisch waren und im Zentrum zu viel „Einfluss“ hatten. Zwei antifaschistische/antirassistische Studierendenverbände veranstalten heute in dem völlig verwahrlosten Gebäudekomplex einen Graffiti Hip Hop Jam. Es gibt eisgekühltes Bier für nen Euro, kratzige Beats aus alten Lautsprechern und den Duft von frischem Sprühlack.

Griechenland befindet sich seit ungefähr sieben Jahren im Dauerkrisenzustand. 2008 die Ermordung Alexis durch einen Polizisten, 2009 Beginn der “Schuldenkrise”, 2013 die Ermordung von einem antifaschistischen Musiker durch Mitglieder der faschistischen „goldenen Morgenröte“ und im Juli 2016 fast der Staatsbankrott. Und jetzt noch die Verschärfung der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Griechenland wird zum Flüchtlingslager der EU. Die Arbeitslosenquote ist immer noch bei ca. 25%, unter Jugendlichen sogar bei 50%. Die meisten können sich keine Krankenversicherung mehr leisten.

Das Straßenbild ist im Sommer 2015 geprägt von Obdachlosen, Flüchtlingen, die sich ihren Weg durch die Stadt bahnen, Junkies und Leuten, die einen alles mögliche Verkaufen wollen von Taschentüchern bis zu absurd leuchtenden Trillerpfeifen.

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Max Mustermann
“ATM Society” (Geldautomat-Gesellschaft), 29.06.2015

Für Tonia, eine 21 jährige Physikstudentin, ist die Krise nicht auf Griechenland begrenzt, sondern findet in ganz Europa statt und überall sind es die lohnabhängig Beschäftigten, die darunter zu leiden haben.

Im Büro der kurdischen Bewegung in der Nähe des Victoria Platzes, wo zu dieser Zeit viele Flüchtlinge ausharren, berichtet ein Mitglied der PYD (Partei Demokratische Einheit, Syrien), dass die verabredete Waffenruhe in Syrien, was kaum anders zu erwarten war, von IS, Al-Nusra und anderen islamistischen Milizen nicht eingehalten wird und die Kurden weiter unter Beschuss stehen. Zudem sind sie am Verhandlungstisch in Genf nicht eingeladen gewesen. So, erzählt mir Ahmad eindringlich, wird kein stabiler Frieden herstellbar sein. Höchstens kurze Atempausen. Die Kurden stecken in einer paradoxen Situation, sie waren wahrscheinlich niemals näher dran mehr Autonomie zu erkämpfen und auf der anderen Seite sind sie ständigen Angriffen ausgesetzt, sei es vom IS oder auch der Türkei. Der Krieg in Syrien verschärft nun die Flüchtlingskrise für Europa dramatisch. Griechenland kann diese Aufgabe nicht alleine stemmen und gerät an die Grenze des Belastbaren.

Flüchtlinge aus Syrien können zumindest damit rechnen anerkannt zu werden. Für Flüchtlinge aus anderen Ländern wie zum Beispiel Afghanistan oder Tunesien sieht die Lage nochmal dramatischer aus, da sie keinen Ausblick auf Anerkennung haben. Im Besten Fall können sie weiter vor sich hinvegetieren und im Schlimmeren werden sie zurückgebracht. Ein junger Mann aus Afghanistan, der seit anderthalb Monaten in Athen ist, erzählt, dass sie nicht zurück können, ihr Leben sei bedroht. Vorwärts werden sie aber erst einmal auch nicht kommen, seit die Grenze zu Mazedonien dicht ist. Die Lage für Flüchtlinge ist erdrückend und bei weitem nicht mehr human.

Athen, Victoria Platz, 2016

Für die Pame, eine kommunistische Gewerkschaft, die der KKE (Kommunistische Partei Griechenlands) nahe steht, gibt es zur Zeit gegen die Krise weiterhin nur die altbekannten
traditionellen Kampfmittel wie der Agitation und gelegentliche Aufrufe zu „Generalstreiks”.
Zu deren Erfolg es mindestens zwei Interpretationsmöglichkeiten gibt.

Die 32 jährige freiberufliche Fotojournalistin Maria, die hin und wieder auch noch hinter der Theke stehen muss, um über die Runden zu kommen, schätzt, dass die Lage sich auch noch verschlimmern wird. Viele junge Menschen werden auswandern; viele Tausende sind es bereits. Für sie fehlt es an Menschlichkeit in dem Ganzen.

Keiner mit dem ich vor Ort sprach zeichnete ein positives Bild der Zukunft, dennoch schien keiner ans Aufgeben zu denken. Vielleicht weil es schon nichts mehr aufzugeben gibt.

Aufgezeichnet Juli 2015

Das Ergebnis des Referendums ist raus. 61,3% für “NEIN”, 38,7% für “JA”. Nicht nur der Vorsitzende der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, ist schockiert.